Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Leseprobe

Roman "Grenzregime"

Die Nacht ist klar und mondhell. Bäume und Sträucher, mit Wiesen bespannte Hügel glänzen kalt wie Metall. Nachtschlafendes Durchatmen beseelt die unberührte Natur. Nur von fern ist das Schlagen einer Nachtigall zu hören. Die hintergründige Stille ist eine Falle und dazu da, die Absicht des Mannes, der den Hügel erklimmt, zu erahnen. Die Herzschläge, fürchtet er, könnten sein Vorhaben verraten. Er zwingt sich, langsam und unauffällig zu gehen. Schnelle Bewegung macht ihn zur Beute in dem von Mondlicht behexten Gelände.

Auf dem Hang verharrt er, wirft sich ins Gras und  späht  über das sich sanft vor ihm abschüssig erstreckende Tal. Er kann die Silhouette des vorderen Signalzauns erkennen und ist beunruhigt, weil er den Zaun noch nicht erreicht hat, wie er zunächst dachte. Angst zehrt an seinen Kräften. Auf den umliegenden Höhen könnten Grenzposten stehen und ihn beobachten. Nicht weit von ihm ist ein Grenzaufklärer postiert. Sie wissen nichts voneinander. Der Mann gerät einen Moment in Panik und versucht sich unter großer Willensanstrengung zu halten. Er lässt sich Zeit.

Ich kann immer noch zurück, denkt er, und die Flucht in den Westen verschieben. Weiter, sagt er und bezwingt etwas, das sich um seine Brust schließt. Er hält einen Bolzenschneider für die Trennung der Signaldrähte in der Hand. Von jener Stelle am Zaun bis zum Elbufer werden es höchstens fünfhundert Meter sein. 

Er weiß um den Wettlauf, sobald er den ersten Draht zertrennt und dadurch die Grenztruppen alarmiert. Sie werden ihn auf Leben und Tod jagen, ihre Posten am Elbufer zusammenziehen und versuchen, seinen Fluchtweg zum Fluss abzuschneiden. Wenigstens haben sie hier wegen der Hochwassergefahr keine Minenzäune montiert. Ihre Schnellboote sind nicht im Einsatz, weil der Elbpegel sinkt. Der Mann ist gut informiert.

Er hat alles zurück gelassen, führt nichts mit aus seinem früheren Leben. Nur der Bolzenschneider begleitet ihn noch ein Stück. Nachher wird er ihn wegwerfen wie alles andere und rasch durch das Flussbett waten.

Es dauert noch eine Ewigkeit. Für die Wiese, die kaum natürliche Deckung bietet, benötigt er fast eine Stunde. Die Gedanken an sein Mädchen, das von nichts weiß, kreisen ihn ein. Nichts zu wissen ist der beste Schutz, den er ihr bietet. Die Langsamkeit auf diesen Metern ist schließlich ein Zögern. Der Absprung wird unumkehrbar sein und er hat Angst um sein Leben.

Der Grenzaufklärer bemerkt ihn nicht, weil er mit dem Fernglas etwas anderes sieht. Sein Blick streift nur gelegentlich die Wiese. Jäger und Gejagter schauen aneinander vorbei.

Der Mann hebt den Bolzenschneider und weiß, dass er in diesem Moment alle Brücken hinter sich lässt. Er hört jetzt die Nachtigall nah. Dann zerschneidet er die unteren Drähte, lässt den Bolzenschneider wie sein früheres Leben fallen und alles geht nun sehr schnell. Er rennt um ein neues Leben in einer anderen Welt. Jetzt gibt es kein Pardon, alle Lähmung ist von ihm gewichen. Es scheint, er ist noch niemals so schnell gelaufen.

Die Posten hier aber sind mit Krad und Kübelwagen motorisiert und nicht zu Fuß unterwegs. In großer Verzweiflung wird er gewahr, dass sie am Ufer der Elbe schon reagieren und schneller sind als er. Man kann es deutlich an den Scheinwerfern der Fahrzeuge erkennen, die sich auf dem Kolonnenweg am Elbufer bewegen. Eine Leuchtpistole wird abgefeuert und zerreißt endgültig die Stille. Zwei Sterne brennen sich blutrot in den nächtlichen Himmel. Die Flucht ist abgeriegelt und entdeckt.

Der Mann blickt zurück. Er sieht, der Grenzaufklärer hat den Signalzaun erreicht und sucht mit einer grellen Lampe nach der durchbrochenen Stelle. Auch der Rückweg ist nun versperrt. Sie werden die Schlinge enger ziehen, hinter dem Signalzaun mit Grenzsoldaten einer rückwärtigen Einheit zusätzlich abriegeln und auch am Elbufer die Postenkette verstärken. Dafür werden sie eine  Grenzkompanie aus dem Schlaf reißen und mit der Hundestaffel das Gelände durchkämmen.

Der Mann weiß das, und könnte sich nun ergeben. Stattdessen gräbt er mit bloßen Händen ein Loch. Manchmal, das ist schon vorgekommen, laufen die Hunde vorbei. Aber das passiert nicht oft und es hängt von dem Versteck ab, das einer im Schutzstreifen findet. Schutzstreifen ist ein doppelsinniges Wort. Laubreste vor einem Busch, hohes Gras über einer Mulde, Knüppel und Äste könnten ihn schützen. Er macht sich unsichtbar und will von der Bildfläche verschwinden. Noch nach dem letzten Strohhalm würde er greifen. Ergeben kann er sich immer noch, wenn das alles nichts nützt.

Er ahnt, wie hoffnungslos seine Lage in Wirklichkeit ist und gräbt weiter.