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Leseprobe

Roman "Haus der Sinne"
(noch nicht veröffentlicht)

 

Erstes Kapitel

 Die kleine Greisin Monique war zweimal am Saaleingang vorbeigelaufen, weil sie träumte. Angenehme Vorstellungen hoben sie über die Steifheit des Alters hinweg und brachten ihren Erinnerungsmotor in Schwung. Sie hatte sich nämlich einen ihrer geliebten Tango Argentino im MP3-Format über Kopfhörer gegönnt, bevor sie ihr Zimmer zum Essengehen verließ. Der flotte Neo-Tango entzündete nun ihre Fantasie und versetzte sie in innere und äußere Bewegung. Sie straffte sich und richtete sich auf, als würde sie in Tango-Tanzhaltung über den langen Flur von einer Seite des Parketts auf die andere schlurfen. Das sah recht übermütig und fast jugendlich aus.

 „Mo stürzte sich ins Abenteuer. Ein atemberaubendes Gefühl von Unabhängigkeit pochte im Takt und es kitzelte sie vor Aufregung im Bauch. Sie lief also rasch auf die andere Seite. Ja ein Fallschirmspringer hätte es vor dem Sprung auch so ohne Zögern gemacht. Und wieder gab es ein Überraschungsmoment, weil Mo kurzsichtig war und erst auf dem letzten Meter ihr Gegenüber erkannte. An Umkehr war da nicht mehr zu denken. Denn die Dame ihrer Wahl hatte sich schon erhoben und das rote Kleid glattgezogen. Sie lächelte Mo an und zuckte zur Entschuldigung mit den Achseln, weil sie etwas größer als die Stürmerin war, die mit ihr tanzen wollte und weil sie noch schnell hinzufügen musste, dass es ihr noch an hinreichender Tanzerfahrung fehlte. Aber beides war für Mo kein Problem. Denn sie fühlte sich für den Moment gut geerdet und wollte ihren Schwerpunkt beim Führen der größeren Frau ausspielen, ja es war ihr sogar angenehm, dass sie sich ein wenig überlegen fühlte, da die Folgende aus ihrer Unerfahrenheit kein Geheimnis gemacht hatte.

Dann näherten sie sich vorsichtig einander und schickten sich in eine Umarmung. Mo betörte der Duft, den die Dame aufgelegt hatte und sie atmete tief. Der linke Arm ihrer Tanzpartnerin berührte ihren Hals, die Fingerspitzen spürte sie einen Augenblick später auf ihrer Schulter. Die andere Hand der Frau nahm Mo`s Angebot an und suchte den Kontakt Hand in Hand. Es fühlte sich sanft und anschmiegsam an. Sie konzentrierten sich etwas länger als notwendig und tauchten langsam in die Wellen des Tango Argentino, der sie allmählich erreichte und ihre Füße und ihre Körper, ihre Verbindung, die sie eingegangen waren, und ganz und gar ihre Gedanken umspülte. Mo glaubte einen Moment, im Duft der Frau und in den Wellen der Musik gleichzeitig zu ertrinken. Aber dann raffte sie sich als Führende auf und sendete energische und energiegeladene Impulse. Sie übernahm die Regie und den Raum, der scheinbar nur noch ihnen gehörte. Die Frau in ihrer Umarmung ließ innerlich los und das löste Glücksgefühle in Mo aus, weil sich die Folgende auslieferte und jener fremden Regie eigenes Leben und pure Lust auf Bewegung einhauchte.

Mo ließ die langen Beine ihrer Partnerin fliegen, die Sacada hatte sie wunderbar vorbereitet und zur Wirkung gebracht. Voller Selbstvertrauen gab sie Schub in die Richtung, in der sie nun tanzten. Ihre Umarmung wurde enger und zunehmend vertraut. Sie riskierte einen Blick ins Gesicht der Anderen, die die Augen geschlossen hielt und alles auf einmal genießen konnte. Sie hatte vollständig die Kontrolle abgegeben. Mo spürte die spitzen Fingernägel auf ihrem Nacken und das ermutigte und inspirierte sie, etwas ganz Besonderes aus diesem Tangovergnügen zu machen.“                               

Eine Pflegerin hakte die tagträumende Monique ein, um die Endlosschleife auf dem langen Flur zu beenden und sie an ihren Platz im Speisesaal zu führen. Sie wurde dort bereits erwartet und freundlich begrüßt.   

Der Tisch im Seniorenstift „Zur Heiterkeit“, an dem sie Platz genommen hatte, war für eine kleine, feste Gemeinschaft reserviert.

Keiner wagte, die Hochbetagten, die hier gemeinsam ihre Mahlzeiten einnahmen, durch Zwischenrufe oder ungebetene Gesellschaft zu stören. Die vier Senioren, die zum Austausch ihrer Lebenserinnerungen am Tisch zusammenkamen, mussten dazu nicht immer sprechen. Manchmal sahen sie sich bedeutungsvoll an und nickten dazu. Oder ein Lächeln ging wie der Plumpsack reihum. Dann musste einer aus dem Stegreif eine Rede halten oder eine Geschichte aus besseren Tagen erzählen. Hin und wieder keiften sie auch, selten, und diskutierten spitzfindige Nebensächlichkeiten.

Am innigsten strahlte es aus dem kleinen Kreis und schwappte auf das Hauswesen über, so empfanden es jedenfalls Pflegerinnen und Pfleger, wenn die vier auflachten und albern wurden.

An diesem Tisch wurde der Reigen vergangener Jahre und Jahrzehnte erörtert, nachgelebt, gefühlt und erinnert. Tränen mischten sich bei und versalzten all die nacherlebte Erinnerungssüße, weil das, was ihnen im Rückblick besonders wichtig und mitteilenswert erschien, an bedauernswerter Kürze und Endlichkeit litt. Sie kannten sich von früher. Es wurde also auch ausgeteilt und eingesteckt, denn man hatte sich durch Liebe und Leidenschaften leichtfertig und zuweilen alternativlos verletzt.

 Da spannten vier Leute den Bogen der Weisheiten, einen Regenbogen am Ende ihres Lebens, das ihnen nicht immer als köstlicher Schauer niedergegangen war. Sie wussten, dass es ein letztes und flüchtiges Zeichen sein sollte. Vier Leben, die sich aus Erfahrungen und Erlebnissen speisten, die, wie ich heute weiß, farbig und einzigartig waren.

 Ein Mann befand sich darunter, sicher die Hauptperson, und drei Frauen, die sich nach Aussehen, Charakter und ihren Lebensläufen stark unterschieden.

Der Alte bekäme von mir im Regenbogen die Farbe Blau.

Sie waren, wie viele Leute ihres Alters, schwerhörig geworden, mit Ausnahme der einen, weil die schon seit ihrer Geburt gehörlos war. Ich erwähne das, weil sie umso lauter sprachen und ich als Pfleger nicht anders konnte, als ihren Gesprächen und Geschichten vom Tango aus dem Berlin der 2020er Jahre zu lauschen.

Den Alten, diesen Hahn im Korb, mochte ich nicht. Der sagte auch nicht viel und ich war überrascht, dass er überhaupt noch einmal durch Inspiration seiner Tischdamen von den Toten auferstanden war.

Der letzte Schlagfluss hatte die rechte Seite gelähmt. Seitdem sprach er nur noch selten. Der Mund hing ihm nun öfters schief. Aber die Augen, das schwöre ich, diese lebendigen Augen, haben mich eingefangen und dazu verführt, ihm denn doch das Leben im Rollstuhl als Pfleger, da ich für ihn verantwortlich war, so angenehm wie möglich zu machen. Heute meine ich, wir wurden sogar Freunde.

Ich war nämlich nach den Erörterungen der Damen, die Gehörlose wurde von einer Tischgenossin, die Birgit hieß, in Gebärdensprache übersetzt, so einigermaßen im Bilde dieser ziemlich anstößigen Geschichte, die man über den Alten in Fortsetzungen und Wiederholungen erzählte. Es handelte sich um polyamore Verstrickungen der Farbe Blau mit den anderen Farben des Regenbogens.

Zu meiner Überraschung, sagen wir ruhig zu meinem Entsetzen, entschuldigten das die Damen augenzwinkernd als eine Facette vieler möglicher und tatsächlich gelebter Liebeswirklichkeiten.

Damit konnte ich zum Zeitpunkt meiner Beobachtungen nicht ohne Widerspruch umgehen. Es trieb mir die Schamröte ins Gesicht, was ich in allen Einzelheiten mit anhören musste.

Die Übersetzerin für Gebärdensprache nannte der Alte gerne „Schneewittchen“. Sie bekommt von mir die Farbe Grün.

Er fasste zärtlich nach ihrem Haar, wenn er das „Sch-sch-wittchen“ stotternd herausgebracht hatte, ein dünnes Haar, das schwarz wie Ebenholz glänzte und natürlich stark eingefärbt war.

Ich gebe zu, dass ich wegen meines eigenen, bis zu diesem Zeitpunkt langweiligen, ohne Höhen und Tiefen verplemperten Lebens sehr neidisch auf den Alten mit dem schiefen Mund war. Und ich kam mir vor wie ein Voyeur.

Die Gehörlose, sein „Engelchen“, im Spektrum des Regenbogens erschien sie mir als die Gelbe, brachte es fertig, den Mund des Alten immer wieder mit zwei Fingern gerade zu ziehen und in vollendeter Zeremonie seine Schnabeltasse zum Durstlöschen zu führen.

Eine Pflegerin hatte das betagte „Engelchen“ einmal im Zimmer des Alten erwischt, aber nicht wegen Demenz, weil sie sich etwa verirrt hätte. Sie lag fast unbekleidet im Bett des Alten und streichelte mit tupfenden Fingerspitzen sein Gesicht.

Das waren Begebenheiten im Altenheim, die einen jungen Mann wie mich konfus und sprachlos machten.

Niemand streichelte mit dieser Hingabe mein Gesicht!

Und die andere mit dem Namen Mo, in Wirklichkeit Monique, die selbst schon etwas wacklig auf den Beinen war, holte den Alten öfter mit dem Rollstuhl vom benachbarten Zimmer, um mit ihm draußen spazieren zu gehen.

Sie kamen nicht weit, weil der asphaltierte Weg zum Wald nach einer Kurve steil hinaufführte. Eines Tages wurde ich Zeuge, dass sie es doch geschafft hatten, so mühsam der Weg war, und nur, um sich an der Waldgrenze da oben nebeneinander für eine Weile auf eine Bank zu setzen. Ob es Zufall war oder nicht, der Rollstuhl des Alten raste in rasanter Fahrt ohne Besatzung den Berg wieder hinunter. Vielleicht hatten sie ihm auch einen Schubs gegeben. Das traue ich ihnen beinahe zu.

Irgendwie musste sie, der ich die Farbe Rot im Regenbogen gebe, es fertiggebracht haben, ihn auf diese Bank neben sich zu setzen.

Da saßen sie und hielten Händchen. Er lächelte wie ein Weiser, als ich mit einem Trupp Helfer nach oben kam, ihn wieder zu bergen und nach unten zu bringen.

Aber warum taten sie das alles für ihn, fragte ich mich oft.

Vielleicht hatte das mit ihrer gemeinsamen Tangoobsession zu tun, vermutete ich. Überhaupt erzählte Mo, die noch am klarsten im Kopf war, fantastische Geschichten aus dem Tangofieber Berlins, das sie wohl einmal, wie sie sich hier zu viert am Tisch zusammenscharten, gewaltig erfasst haben musste.

Sollte ich mit der Beschreibung einer Person beginnen, würde ich mit Mo anfangen. Ich kann mir vorstellen, wie sie einmal in jüngeren Jahren ausgesehen hat. Denn dieser Frauentyp wird alt, aber altert nicht. Das Silberhaar im Pagenschnitt wird sie einst genauso getragen haben. Der Mund kann immer noch mit einem Lächeln jugendlich flirten und die Augen ziehen den Betrachter in die Tiefe hinab.

Ich sehe sie mit ihren Händen auf dem Tisch nach den seinen greifen. Dabei stockte mir regelmäßig der Atem.

Ich war zu diesem Zeitpunkt der irrigen Ansicht, so etwas könne nun einmal nur in das Reich der Jugend gehören.

Sie nahm seine Hände, wie ich es vor mir sehe, immer ganz öffentlich. Nichts machte sie im Verborgenen. So war auch die Ehrlichkeit in ihrem Gesicht der Ausdruck ihres Charakters.

Aber was hatte sie bloß an diesem Alten gefressen? Ich verstand es nicht.

Da sich meine Neugier regte, denn ich ahnte bereits, dass alles, was ich hörte und sah, mich selbst im Innersten betraf, beginne ich mit dem über einige Monate erlauschten Bericht über jene Tischgespräche, deren aufmerksamer Beobachter und Zuhörer ich wurde.

 

„Igor?! Bringst du uns bitte noch einen Pfefferminztee? Und für Herbert? Was meinst du, Birgit, mag Herbert noch einen Tee?“

Sie versuchten Herberts Wünsche zu erraten, der in die Luft stierte und heute sehr abwesend schien.

Aurora nahm eine flauschige Feder, mit der sie seinen Handrücken streichelte. Das brachte ihn am ehesten in ihre Wirklichkeit zurück. Sie vermieden es, ihn in diesem träumerischen Zustand laut anzusprechen oder wachzurütteln. Dadurch konnte ihr Herbert unleidlich werden. Das steigerte sich, wie oft bei alten Leuten, die sich hilflos und überfordert fühlen, in eine üble Stimmung bis hin zur Weinerlichkeit.

Auroras Feder vermochte, ein Lächeln in sein Gesicht zu zaubern. Der Blick klarte auf und er antwortete auf Mo`s Frage nach dem Pfefferminztee: „Kakao mit ein bisschen Pfeffer!“

Nun sahen mich alle bedeutungsvoll an, denn ich war ihr Igor für diese kleinen, alltäglichen Wünsche und ihr Herbert hatte seit längerer Zeit endlich wieder einmal gesprochen und sogar einen Wunsch geäußert. Dabei kam er mir just in diesem Moment wie eine Mumie vor, die sie durch Hexerei zum Sprechen gebracht hatten.

„Also drei Pfefferminz und einen Kakao“, fasste ich zusammen.

Während ich mich an der Theke um die Bestellung bemühte, hörte ich wieder, was sie sagten.

„Ja, Herbert, so forsch wie der Igor bist du damals auch über den Tanzboden gehuscht. Weißt du noch? Der Igor sieht dir ein bisschen ähnlich. Findest du nicht auch, Birgit, dass der Igor auch so verschmitzt blickt?“

Birgit lachte und Herbert beugte sich nach vorn, um doch tatsächlich zu mir hinüberzusehen. Da dachte ich einen Augenblick, der Herbert ist ein ganz großer Schlawiner, der seine Gebrechlichkeit bloß simuliert.

„Mo, ist es wahr, dass eure Geschichte auch im Haus der Sinne begann?“

Herbert war nun sehr aufmerksam. Man sah es an seiner Mimik. Er hob eine Hand, als wollte er etwas sagen. Aber er brachte es nicht heraus.

Mo strahlte ihn an. Sie war froh, wenn Herbert ihren Gesprächen folgte. Sie wollte ihn lebendig und noch so lange wie möglich für sich und ihre Tischgesellschaft behalten. 

„Möchtest du das noch einmal hören, Herbert, wie wir uns im Haus der Sinne kennengelernt haben?“

Sie sahen sich nun lange an und ihre Blicke schienen sich ineinander zu bohren. So wie sie sich ansahen, war das intim und man spürte, dass sie sich in dieser Sprachlosigkeit schon oft auf dem Grund ihrer Seelen begegnet waren. Rot wechselte nach Blau und umgekehrt, das war eine faszinierende Mischung. Und dauerte also eine Weile, bis Mo die Antwort auf ihre Frage ergründet hatte.

„Gut, Herbert. Dann erzähle ich das noch einmal für dich.“

 Ich brachte derweil den Pfefferminztee und Herberts Kakao zu ihrem Tisch, der nun so etwas wie ein Podium ihrer Lebenskonferenz geworden war.

Da nahm Herbert plötzlich meinen Arm und wollte, dass ich mich dazu setzte. Viel zu flink für ein altes Mädchen verstand Aurora, sein „Engelchen“, diesen Wink und holte für mich einen Stuhl.

Alle Aufmerksamkeit richtete sich nun auf die kleine Mo, die sich erinnerte und in das Berlin der 2020er tauchte. Sie holte ihre Erinnerungen aus der Tiefe des Herzens und strahlte übers ganze Gesicht. 

„Es war an einem Freitag im Haus der Sinne. Ich hatte am Kurs für Fortgeschrittene teilgenommen und wollte vor Beginn der Milonga den Obolus an der Bar bezahlen. Da stand Herbert neben mir und verwickelte mich in ein kleines Gespräch. Ich weiß nicht mehr, was er genau sagte, aber er lachte und seine Augen sprühten. Es wird darum gegangen sein, dass diesmal nur wenige Tangotänzer den Weg ins Haus gefunden hatten und ob ich, da wir ja nun einmal ins Gespräch gekommen waren, mit ihm tanzen würde. Warum nicht? Das fühlte sich gut an für mich.“

„März“, sagte Herbert plötzlich, „Frauentag.“

Er grinste.

„Ja richtig, das war Anfang März. Ich erinnere mich.“

Birgit quetschte den Teebeutel aus und stellte eine Frage, ohne Mo anzusehen.

„Du hast nicht an einem der wenigen Tische rechts vom Eingang gesessen und mit dem Fuß gewippt?“

„Nein, liebe Birgit, denn das ist doch deine Geschichte, nicht wahr?“

„Der Jäger“, sinnierte Birgit noch etwas nach.

„Eigentlich ist das nicht schmeichelhaft für ihn, wie er sich da so auf die Lauer legte und was ihn wirklich umtrieb. Ganz absichtslos waren seine Tanzangebote nie. Er konnte es aber verbergen. Und Tango tanzen. Das war manchmal zum Fliegen!“

Aurora zog gerade Herberts Mund in die richtige Position und Birgit verdeutlichte ihr kurz in Gebärdensprache, wohin der Gesprächsfaden führte. Sie tauschten ein paar Gesten zur Verständigung aus, dann sagte Birgit zu Mo: „Das Engelchen meint, sie habe geschwebt, als sie unseren Herbert kennenlernte. Geschwebt! Na ja, wir wissen, dass es im Insomnia geschah, bei einer halb-frivolen Tanzlustbarkeit in diesem Club für Erotisches aller Art. Wir taten ja immer so anständig. Aber wie lächerlich das ist. Als ob der Tango nur ein bisschen erotisch wäre!

Um Mitternacht haben sie Aurora mit verbundenen Augen an einem Bondageseil bis fast unter die Decke gezogen. Unbekleidet! Und da Herbert früher als sonst gehen musste, wartete er noch ungeduldig aufs Herunterlassen und hat sie dann auf ihren süßen Mund geküsst. Im Vorübergehen, vor aller Augen! Da war sie noch gefesselt und hatte die Augenbinde auf dem Gesicht. Sie erwiderte blind seinen Kuss. Da war es geschehen.“

„Und was hat er zuerst mit dir gemacht?“, fragte Mo.

„Erst hat er mich ignoriert und mit einer anderen getanzt. Ja, ich gebe zu, ich wippte energisch mit einem Fuß. Später hat er mir gestanden, dass er mich nicht aus den Augen ließ und froh darüber war, als er die andere wieder loslassen durfte, dass ich mich immer noch frei für einen Tango mit ihm hielt. Er kam also gleich zu mir, nachdem er die andere zurückgebracht hatte.“

„Habt ihr etwas gesprochen zu Beginn?“

„Nein, aber ich spürte bei ihm eine unglaubliche Schwingung, eine Aufladung aller Sinne bis unter die Haut. Wir waren selig und eins beim Tanzen, von Anfang an, obwohl ich zuerst sehr aufgeregt war. Tango kann ultimativ die Geschehnisse steuern.“

„Und dann?“, fragte Mo und vergaß völlig, dass sie doch eben ihre eigene Geschichte erzählen wollte.

„Er lud mich an die Bar ein und fragte, was ich lese und ob ich überhaupt gerne lese.“

„Ein Volltreffer, nicht wahr?“, hauchte Mo, die sich das genau vorstellte und diese Geschichte bereits aus zahlreichen Wiederholungen kannte.

„Ja, das war schon seltsam. Er kannte das Buch über Goethe und die Vulpius, die Geliebte in Weimar, die nicht standesgemäß für den Staatsminister Goethe war, ganz genau. Und so hat sich rasch das eine zum anderen ergeben. Wir wurden Geschwister im Geiste und teilten den gleichen Humor.“

Bevor nun Mo genauer auf ihre erste Begegnung mit Herbert zu sprechen kam, bedeutender war aber wohl die zweite, ein paar Wochen später, erinnerten sich Birgit und Mo erst einmal lebhaft an jenes Tanz- und Kulturlokal mit dem schönen Namen „Haus der Sinne“.

„Da war nicht viel Platz und man musste geschickt um einen dicken Pfeiler mitten im Raum tanzen. Dort staute es sich, wenn Anfänger an dieser Stelle nicht weiterwussten.“

Mo zappelte auf ihrem Stuhl, weil sich Bilder in ihrem Kopf einstellten.

„Aber ja doch, dieser Pfeiler, auf dessen vier Seiten Gemälde angebracht waren! Da flüsterte mir Herbert einmal ins Ohr, dass ihn der lachende Greis mit schlohweißem Haar inspiriere. Er wollte auch einmal so lustig sein und heiter wie der auf dem Bild aussehen, wenn er den größten Teil seines Lebens hinter sich gebracht hätte.“

Sie sahen Herbert an, der scheinbar genau zuhörte.

„Mit den schlohweißen Zotteln hat es ja nun nicht geklappt, Herbert, nicht wahr? Da hast du ja nun eine Glatze.“

Vorsichtig nahm Mo Herberts zuckende Hand, als wäre sie ein hilfloses Küken, zwischen ihre eigenen, die immer noch schön, nur etwas runzlig wie Rosinen geworden waren.

„Wusstest du, Birgit, dass ihm Aurora einmal eine Kopie von dem Bild angefertigt hat? Sie fotografierte es ab und malte es auf Pappe. Strich für Strich hat sie es für Herbert übersetzt. Nur andere, irgendwie freundlichere Farben hat sie dafür verwendet.“

Birgit übertrug die Bemerkung für Aurora in Gebärden und die freute sich sehr, dass ihr liebevolles Geschenk nicht in Vergessenheit geraten war.

Ich hatte dieses Bild vom lachenden Alten auch schon einmal hier im Seniorenstift gesehen, aber nicht in Herberts Zimmer, sondern über dem Bett von Aurora. Herbert musste es ihr zurückgeschenkt und vorher in Gold gerahmt haben.

„Vererbt“, sagte Herbert und er lächelte und sah Aurora an.

„Symbolisches soll weitergetragen werden. Nur Sinn bleibt übrig, alles andere ist Staub.“

Es handelte sich um einen jener Geistesblitze, zu denen Herbert noch fähig war und der alle überraschte, die sich bereits an sein Hindämmern gewöhnt hatten. Eine Träne kullerte über Mo`s Gesicht. Sie genoss es sehr, wenn Herbert wach und klar wurde, wenn er hier noch einmal auflebte.

Bevor ich nun auf das Spiegelfest der beiden, die zweite Begegnung von Mo und Herbert in einem gründerzeitlichen Ballsaal zu sprechen komme, da wo Nachtelfen und Gespenster unter der Woche ihren Tango tanzen, so wie ich das jedenfalls verstanden habe, möchte ich etwas über mich sagen.

Dass ich Igor heiße, habe ich schon erwähnt und dass meine Wurzeln in Russland liegen, erklärt sich so ziemlich von selbst.

Ich muss mich einen Augenblick in den Vordergrund ziehen, weil meine Rolle als Tischhörer jener Runde eine sehr undurchsichtige bliebe.

Wo fange ich an? Am Anfang sicherlich nicht. Denn die Ereignisse, wie wir als Russlanddeutsche mit unserem Hang zur deutschen Literatur und in ziemlicher Armut nach Deutschland kamen, spare ich aus.

Mein Leben in Deutschland, wie ich das für mich definiere, begann mit einer Verkäuferin im Supermarkt, die ich als junger Mann kennenlernte. Ich betete sie an und es war ihre Schuld, dass sich Lebensmittel aller Art in meinem Kühlschrank stapelten, weil ich immerzu an ihre Kasse im Supermarkt wollte. Meine Einkäufe häuften sich. Eines Tages lud sie mich zum Kaffee ins Bistro und so folgte ich ihr, als wäre ich ihr Entlein auf einem See, den sie allein überblickte und beherrschte.

Da war ich zwanzig. Jetzt habe ich die Vierzig überschritten. Die Jahre dazwischen kommen mir nebelhaft vor. Ich wüsste kaum etwas Wesentliches darüber zu berichten.

Vor einem Jahr etwa haben wir uns getrennt.

Ich spare wieder die Einzelheiten aus, um mich nicht in einer anderen Geschichte zu verlieren.

Um ehrlich zu sein, sie hat mich nach vielen Gesprächen und Ermahnungen denn doch als antriebslosen Langweiler aus ihrem Leben entlassen. So ehrlich will ich wenigstens sein.

Davor stellte sich noch ein bedeutendes, aber in Glück verkleidetes Ungemach ein, das mich ebenfalls aus meiner Bahn lenkte. Ich gewann nämlich eine siebenstellige Summe im Lotto und meinte, der Erste unter allen Glücklichen zu sein.

(Ich weiß, wie banal und unwahrscheinlich das klingt. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass es vor allem die Neider sind, die mir diesen Teil meiner Geschichte nicht glauben.)

Meinen Beruf als Ingenieur, mit dem ich schon immer auf Kriegsfuß stand, hing ich sofort an den Nagel. Ich wollte nun unabhängig und faul wie Oblomow sein.

Sie kennen Oblomow nicht? Diesen atemberaubenden Klassiker von Gontscharow? Nein? Und ich dachte, so etwas lernt man beiläufig in der Schule, dass es einen Kanon der Weltliteratur gibt, zu dem Gontscharow mit seinem Oblomow ganz sicher gehört.

Na, da haben Sie etwas verpasst! Als Russlanddeutscher würde ich mich freuen, wenn sie diese in Literatur gegossene und in Russland sprichwörtliche „Oblomowerei“ auf ihren Lesezettel setzen.

Sie haben keinen Lesezettel? Ja, das wird ja immer schöner und ist leider auch inzwischen sehr deutsch. Das Überlieferte wird nicht mehr geschätzt wie früher und schon gar nicht gelesen.

Lesen ist ein bisschen anstrengend, nicht wahr? – Das ist wie im wirklichen Leben. Immerzu muss man sich bemühen.

Und ich gebe nun unumwunden und einigermaßen mutig eine persönliche Schwäche zu. Gegen Anstrengungen wehrte ich mich immer mit Händen und Füßen. Vor allem für Anstrengungen in der Liebe war ich zu faul.

Ja, natürlich ist das der Grund, weshalb mich meine Frau eines Tages verließ. Ich konnte Anstrengungen und das sich stetige Bemühen im Zwischenmenschlichen nicht leiden. Es überforderte mich.

Deshalb zog ich mich auch eine Weile stolz auf meinen Lottogewinn zurück.

Aber meine Frau, die mich nicht nur aus meiner gemütlichen Bahn lenkte, sondern ins Chaos katapultierte, hatte keine Lust zum Konsumieren. Die siebenstellige Sicherheit beeindruckte sie kaum.

Nun kommt in meinem Bericht noch etwas Peinliches und sehr Persönliches vor, so empfinde ich es jedenfalls. Ich war nicht in der Lage und auch nicht willens, meine Frau all die verschenkten Jahre in Liebe zu feiern, und schon gar nicht, was noch etwas anderes ist, aber wohl damit zusammenhängen könnte, sie sexuell zu befriedigen.

Ihrer Sehnsucht nach Zärtlichkeiten und Tiefe waren keine Grenzen gesetzt. Dieses zartbesaitete Instrument konnte ich niemals virtuos spielen. Sie hat es zuerst mit Verständnis und Freundlichkeit quittiert, sie wollte mir sogar helfen.

Wir besuchten in Berlin eine Therapie.

(So lernte ich übrigens diese Frau mit dem Namen Beatrice kennen, zu der ich später noch einiges sage.)

All diese Work-Shops, endlose Sitzungen auf dem Sofa und angeleitete Kuschelwochenenden waren umsonst. Aus lauter Bequemlichkeit machte ich alles mit, aber ich bin nun einmal kein leidenschaftlicher Mensch, kein Liebhaber und keine Gefühlskanone, wie die Helden aus Tolstois Romanen.

Mit meiner Impotenz wurde es schlimmer, je mehr sich meine Frau wortreich darum kümmerte und sich wirklich bemühte. Die Katastrophe bahnte sich an.

Als ich nach meinem Lottogewinn sehr überraschend an Selbstbewusstsein und Männlichkeit gewann, meinte ich gönnerhaft, den Mangel meiner Libido durch besondere Zuwendungen und teure Reisen bei ihr zu ersetzen.

Damit kränkte ich sie. Sie verfluchte mich, weil ich angeblich nichts von Frauen verstand. Meine Impotenz sei ihr völlig egal, plauzte sie einmal heraus, wenn ich sie denn doch nur einmal richtig und selbstlos bis auf den Grund lieben könnte und wenn ich das auch einmal irgendwie körperlich ausdrücken wollte. Irgendwie? Was sollte denn das nun wieder bedeuten?

Da war ich sprachlos, weil ich immer noch dachte, es ginge um dieses Ding, das steht oder nicht stehen kann. Oder ersatzweise um die Anlehnung an mein kleines, Unabhängigkeit versprechendes Vermögen. Darum ging es ihr aber nicht. Sie verachtete mich.

Als wir in Venedig einem Schriftsteller in einem Hotelrestaurant begegneten, mit dem wir uns bei Kerzenschein in ein spannendes und gefühlvolles Gespräch vertieften, eine Unterhaltung, an der ich mich kaum beteiligte, zog ich mich zeitig und müde auf unser Zimmer zurück.

Am anderen Morgen ertastete meine Hand die Einsamkeit auf dem schneeweißen Laken. Ich begriff, dass ich nun endlich verlassen hatte.

Sie war mit dem Schriftsteller „durchgegangen“.

Die ersten Tage hielt ich mich an der Möglichkeit fest, sie würde zurückkehren und weder er noch sie könnten den Aufenthalt in Venedig und die Rückreise nach Deutschland bezahlen. Bis heute habe ich sie nicht wiedergesehen. Das Notwendigste regelten wir schriftlich. Von meinem Lottogewinn hat sie nicht einen einzigen Cent für ihre Geduld bis zum Zeitpunkt ihrer Flucht verlangt.

Mein Leben rutschte weg unter meinen Füßen und auch mein Vermögen schmolz schneller, als ich das jemals vermutet hätte. Falsche Freunde mit Kapitalanlageideen hatten sich wie Blutegel daran festgesaugt, und als ich es merkte, war es zu spät.

Da hatte ich schon fast den gesamten Gewinn wieder verloren. Mein Leben befand sich an einem Wendepunkt. Geradeaus hätte es mich zum Abgrund geführt.

Der Verlust von Frau und der vermeintlichen Sicherheit des Geldes stürzte mich in eine tiefe Krise.

Meine Geschlechtslust sank auf ein absolutes Minimum herab. Ich musste befürchten, nie wieder Ambitionen zu hegen, eine neue Frau kennenzulernen. Denn der erste Antrieb dafür ist nun einmal die Lust, wie mir meine Therapeutin Beatrice, die ich nun häufiger konsultierte, erklärte.

Sie nahm mich in gründliche Behandlung. Aber auch in ihrem stationären Behandlungsbett, wohin sie mich überführte, regte sich nichts. Obwohl sich meine Sehnsucht nach einer Partnerin noch einmal besonders verstärkte. Sie kitzelte diese Bedürfnisse geschickt und absichtsvoll heraus. Aber nur, um mir im Bett einen Spiegel vors Gesicht zu halten.

Da fing ich das erste Mal an, diesen Typ Mann des leidenschaftlichen Romantikers und Liebhabers zu beneiden.

Meine Therapeutin verknüpfte das mit ein paar körperlichen Einsichten, die mich in meiner Krise mehr betrafen, als ich geglaubt hatte. Sie beschenkte mich durch eigene Hand mit erotischen Zärtlichkeiten und sie schickte mich am Ende der Therapie auf eine Reise.

Ich solle doch einmal, sagte sie, das Leben vom Ende denken und alte Leute befragen, was ihnen wichtig und wertvoll im Leben gewesen sei. Liebe, Zärtlichkeit und Lust ließen sich von daher am besten verinnerlichen und begreifen.

Da suchte ich sowieso gerade, zeitgleich also, nach einem neuen, halbtags ausgerichteten Beruf. So fügte ich mich als Pfleger ohne Ausbildung für die eigentlichen, pflegerischen Tätigkeit, nämlich als Service-Mann und Gesellschafter, in das Leben der Alten am Seniorenstift „Zur Heiterkeit“ ein. Ich begann, das Leben der Alten vom Ende her, aus ihren Erinnerungen heraus, die sie mir erzählten, zu studieren. Ich sollte alles, was ich dadurch in Erfahrung brachte, als Gegenentwurf zu meinem eigenen, bisherigen Leben begreifen.

Wieder stockt und stoppt mein Bericht. Ich wollte doch zu gern erzählen, wie sich Mo und Herbert kennengelernt hatten und im Spiegelsaal in der Auguststraße, schräg über Clärchens Ballhaus, eine Ahnung von sich als Paar bekamen. Das ergab sich nämlich für beide aus einem Gespräch, das sie nach mehreren Tandas abseits vom Parkett führten.

Dieses Gespräch ist sehr aufschlussreich für meine seinerzeit unterentwickelten Erlebnisfibern.

Die Wahrheit aber ist, dass mich Beatrice zu dieser Erkenntnis brachte und zurück auf die Plätze rief. Ich solle meine Geschichte nicht übereilen. Ich musste ihr vorlesen, was da bisher aus dem Heim „Heiterkeit“ von mir zu Papier gebracht wurde.

Aber sie billigte es nicht.

Ich weinte an ihrem Hals und sie besänftigte mich.

„Für unsere Arbeit“, sagte sie, „wäre es interessant, du würdest die Geschichte von Herbert und Mo eben vom Ende her aufrollen und tastest dich langsam nach vorn. Warum haben sie sich getrennt?“

Ich opponierte und sie zog sofort ihre Schenkel zusammen. Sie verwahrte entschlossen ihre therapeutische Scham, sagen wir ruhig ihre Schamlosigkeit, vor meinen mehr irritierten als sehnsuchtsvollen Blicken. Ich war zu dieser Zeit impotent, das wollen wir nicht verschweigen.

Sie war eine Expertin, mich auf die nächsten Wege als Mann zu begleiten, ohne dass ich es merkte.

Ich war nämlich blind und wusste noch nicht, was mir der stumme Herbert mit dem schiefen Mund im Seniorenstift „Heiterkeit“ noch alles zu sagen hatte, bevor er endlich das Zeitliche segnete. Er sprach ja, das hatte ich wohl schon erwähnt, indirekt durch seine inspirierenden Frauen und kaum noch von selbst. - Die Trennung zwischen Herbert und Mo, ich ziehe sie also nach vorn, wenn nur Beatrice wieder den Schoß für mich öffnet.