
Grenzregime: Wo wir uns finden
Boizenburg, 1984.
Till leistet seinen Wehrdienst als Offizier auf Zeit in einem Ausbildungsregiment der Grenztruppen der DDR. Der junge Unterleutnant wird trotz „heftiger Beunruhigung seiner Seele“ Teil des Systems der allgegenwärtigen Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit, das die „Linientreue“ der Grenzsoldaten und Offiziere regelmäßig untersucht und darüber entscheidet.
Als die Elbe im Grenzabschnitt Boizenburg Niedrigwasser führt, nutzen gut informierte DDR-Bürger diese Gelegenheit zur Flucht über die Grenze. Eine Einheit des Grenzausbildungsregiments unter dem Kommando des jungen Unterleutnants steht zur Verstärkung bereit. Aber der Unterleutnant ist spurlos verschwunden.
Kleinmachnow/ Dreilinden, 1992.
Der Kommandantenturm der Grenzübergangsstelle Drewitz/ Dreilinden steht unter Denkmalschutz und soll eine Erinnerungs- und Begegnungsstätte werden. Der Turm ist für eine Weile Rückzugsort und Zuflucht für den ehemaligen Grenzoffizier, der in der Abgeschiedenheit ein Buch über seine Verstrickungen in das Regime der Grenztruppen schreibt. Ein furchtbares Geheimnis lastet auf seinem Gewissen.

Foto: Rolf Esser, Berlin (Verwendung mit freundlicher Genehmigung)
Die Abbildung zeigt den Kommandantenturm der ehemaligen Grenzübergangsstelle Drewitz/ Dreilinden.
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Rezension und Lesungen
DDR Museum in Berlin, 2023
Link: Video-Aufzeichnung im vollen Wortlaut
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DDR Alltagsmuseum in Malchow, 2024
(Rezension „Müritz TIP Informationen aus der Müritzregion“)
Link: https://ol.wittich.de/titel/3520/ausgabe/17/2024/artikel/00000000000044210877-OL-3520-2024-40-17-0

Malchow. (bedi) Herbert will nur noch raus. Anfang der 1980-er Jahre empfindet er sein Leben in der DDR als so unerträglich, dass er riskiert, Republikflucht zu begehen. Dazu muss er im Schutz der Dunkelheit die Grenzanlagen im heutigen Sachsen-Anhalt durchqueren und die Elbe überwinden, die zu jener Zeit Niedrigwasser führt. Vom Grenzturm aus sieht ihn der junge Till, der sich für drei Jahre zur Nationalen Volksarmee verpflichtet hat und an die Grenze abkommandiert wurde. Till schießt.
Dirk Meißner legt eine Lesepause ein und lässt für einige Momente Musik erklingen. Der Autor stellt heute, am Abend des 20. September, sein 2021 erschienenes Buch „Grenzregime“ im DDR-Museum Malchow vor. Mit dieser Lesung begeht das Museum seinen 25. Geburtstag und schließt gleichzeitig die Periode der wechselnden Sonderausstellungen ab, die seit Juni jeweils ein Jahrzehnt des Landes im Osten Deutschlands illustrierten. „Vier Kolleginnen haben je eins der Bücher Meißners gelesen. Am Ende entschieden wir uns dafür, „Grenzregime“ hier vorzustellen, weil sein Inhalt am besten zu unserem Museum passt“, sagt Leiterin Susanne Burmeister in ihrer Begrüßung an den Autor und das Publikum in einem der Räume im Obergeschoss.
Der Schriftsteller, der 1962 in Dessau geboren wurde, richtet seinen Blick nun wieder auf sein Manuskript und lässt die Gäste anhand dreier weiterer Auszüge verfolgen, wie sich die Geschichte Herberts und Tills fortsetzt und wie sie endet. Er zeigt dabei, wie stark eine Liebesgeschichte den jungen Soldaten unter Druck setzt, wie Stasi-Beamte Nachwuchsoffiziere in ihren Dienst an der Grenze einweisen und was Herberts weiteres Schicksal nach der geglückten Flucht bestimmt. „Das Buch „Grenzregime“ beschreibt die Entfremdung der Protagonisten. Bei Herbert ist es die vom System DDR, der er sich nur entziehen kann, indem er den Staat verlässt. Till dagegen, der weiß, dass er Dinge tut, die nicht in Ordnung sind, sie aber trotzdem tut, weil er Rechtswissenschaften studieren will, entfremdet sich dadurch von sich selbst“, kommentiert Dirk Meißner. Für Herbert ist es eine bittere Erkenntnis, dass er, der seine DDR-Vergangenheit wie einen Mantel abwarf, auch im anderen deutschen Staat fremd bleibt. „Was sollen wir denn mit einem Kunsthistoriker?“ fragt man sich dort ein wenig verächtlich. Meißner verrät am Ende: Beide Protagonisten tragen autobiografische Züge. So wollte der Autor unter anderem wie Till in der DDR Jura studieren, musste daher drei Jahre an der Grenze Dienst tun und kennt so die Vorgänge genau. In der Situation, auf jemanden dort schießen zu müssen, sei er aber nicht gewesen.
„Grenzregime“ gehört zu einer Romantrilogie Dirk Meißners, die sich lose chronologisch der jüngeren deutschen Geschichte widmet. Die anderen Werke heißen „Lebensborn Pommern“ und „Nachkriegswelpen“ und erschienen beide 2020. Meißner, der mütterlicherseits Vorfahren in Penzlin hatte, war in der Wendezeit Redakteur bei der Tageszeitung „Der Morgen“ und später in verschiedenen Unternehmen in leitender Position beschäftigt.
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Lesung in Lassahn/ Zarrentin am Schaalsee, 2025

